Abi-Rede Gymn. Ohlstedt Hamburg 23.6.2007

(Ich habe sie nur recht verkürzt gehalten, die Zeit war am Abend zu weit fortgeschritten, die akustische Anlage war miserabel. Wer dabei war, kann so nachlesen, wie es gemeint war.)
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, verehrte Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Erster Anfang: Ich war schon etwas überrascht, als ich gefragt wurde, ob ich eine Rede zu dieser Abitur-Feier halte. Ich war in diesem Jahrgang kein Klassenlehrer, kein Tutor. Wir haben auch nur eine ganz kurze eintägige Reise nach Berlin zum Bundestag miteinander gemacht, morgens hin und abends schon wieder zurück. Die gemeinsamen Erfahrungen im Unterricht waren auch nicht so ganz dolle, an die sechste Klasse Religion denken wir lieber nicht, herzig war es dann in einer kleinen Gruppe Religion in der neunten Klasse, in der zehnten ging es hauptsächlich um die Frage, ob es zur Freiheit eines Schüler gehört, im geheizten Klassenraum nach eigener Entscheidung die dicke Jacke anbehalten zu dürfen, in der elften Klasse in GMK gab es ein paar harte Sitzungen, in denen mit einigen jungen Herren Klartext geredet wurde und in Philosophie sah ich viele runde Augen „Was will der denn von uns?“, trotzdem kamen genau diese Schüler dann in den Leistungskurs GMK, die jungen Herren und einige mehr nach Voranfrage, ob sie denn Chancen hätten und ob sie denn erwünscht wären, während die Schülerinnen wie selbstverständlich davon ausgingen, dass sie schon alles richtig machen. Hm, da kriege ich keinen Rückblick auf vergangene Heldentaten hin. Also, warum ich? Keine Ahnung.
Zweiter Anfang: Was will man denn so hören bei der Abi-Rede eines Lehrers? Lehrer ist im Augenblick ja kein Beruf, dem der Nimbus des Weltweisen anhinge. Faule Säcke, von der Schule auf dem Umweg über die Uni wieder in die Schule. Null Lebenserfahrung, geschütztes Biotop. Die können doch höchstens von ihren eigenen Kindern erzählen. Also wieder nichts.
Dritter Anfang: Vielleicht soll ich einfach nur irgendwas reden. Was Seltsames zur Welt und dem Eintritt von Abiturienten in diese. Ist ja öfter vorgekommen, dass ich im Unterricht was erzählt habe, ich dachte, das sei völlig selbstverständlich, dann haben mich alle verblüfft angesehen, oder mit der Zeit der Gewöhnung „Der spinnt ja schon wieder“ gedacht.  Also fange ich mal einfach so an, greife mir irgendwas. Zuerst mal muss man Euch dazu gratulieren, dass Ihr jetzt die Schule verlassen könnt. Der Grund ist einfach, die Schule wird immer ungemütlicher. Teile der neuen Ungemütlichkeit habt Ihr schon erlebt, Prüfungen und Überprüfungen als Ersatz für politische, vor allem  finanzielle Anstrengungen, das Lernen angenehmer und effektiver zugleich zu machen, Prüfungen und Überprüfungen, bei denen gleich monatelang der Unterricht ausfällt, und das Zentralabitur als Lotto: Passt die Aufgabe zu dem, was die Behörde gesagt hat, dass man es vorbereiten soll? Hat man das auch richtig verstanden, was man da tun sollte? Gleichzeitig jedoch soll jedoch mit verstärkter Kraft der Zufall aus der Schule vertrieben werden. Standards heißt das Zauberwort, was gelernt wird, soll standardisiert sein. Alle Schülerinnen und Schüler sollen in einer bestimmten Situation das gleiche Verhalten zeigen. Weder den Lehrern noch den Schülern soll da was anders einfallen. Auf den ersten Blick nichts Neues.
Ein älteres Lehrbuch für die Lehrerausbildung sagt  unzweideutig, was mit den Schülerinnen und Schülern im Unterricht geschehen soll: „Wenn der Unterricht es (das Kind) nicht anderweitig in Anspruch nimmt (beim Schreiben, Tafelrechnen etc.), so muss es den Lehrer unverwandt ansehen und seine Hände geschlossen auf dem Tisch liegen haben. Jedes störende Geräusch mit den Händen und Füßen, alles Plaudern und Zuflüstern, alles voreilige Antworten und ungestüme Sichmelden zur Antwort ist mit Strenge zu unterdrücken.“ In der Zeit vor Weltkrieg1, als es reichte, wenn man nicht tat, was die Obrigkeit missfiel, reichte diese Zurichtung der Schülerkörper als Lern- und Erziehungsstandard schon fast aus. Die jeweiligen Auswirkungen auf die Seele stellten sich schon von allein ein. So organisierte man Militär.
Heute muss es mehr sein. Heute müssen Schüler Kompetenzen nach detailliert beschriebenen Standards erwerben. Ich nehme mal Bemerkungen aus einer Veröffentlichung des Verbandes der Hochschullehrer für Politikdidaktik, aus meinem eigenen allgemeinverständlichen Fachgebiet. Dort erfahre ich, dass meine Schülerinnen und Schule beim Abitur ihre Entscheidung für diese Partei und gegen alle anderen bei einer politischen Wahl reflektiert treffen und begründen können sollen. Hm, irgendwie dachte ich mir das schon immer, aber nur irgendwie. Zweifel: Kann überhaupt jemand die Partei seiner Wahl begründen, der sich nicht den ganzen Tag mit Politik beschäftigt? Und wäre so ein Leben dann aber zumutbar, ständig über das Wählen nachdenken? Muss man das denn überhaupt können? Da gibt es doch noch andere schöne Dinge im Leben. Und dann schaue ich in der Kompetenz-Liste für die Schüler nach, die nach der Mittelstufe abgehen: Die Zehntklässler sollen sich ein Urteil über ein Problem bilden und es auch in Kontroversen vertreten können, beispielsweise zum EU-Binnenmarkt, zur EU-Osterweiterung und womöglich zu der Frage, ob die Globalisierung lieb oder böse ist.  Auch wenn sein Lehrer das gar nicht kann, denn der hat Skrupel, weil das alles so kompliziert ist. Komisch, aber zur Wahlentscheidung  reicht das dann noch nicht? Auch wenn man in Niedersachsen schon mit 16 wählen darf? Doch, es reicht, sagen die Standards, dann nämlich, wenn die Berufsschule vorbei ist. Je älter, desto reflektierter, so ungefähr die Vorstellung.
Ich schätze ja diese Kolleginnen und Kollegen an den Universitäten sehr, die sich hingebungsvoll solchen Differenzierungen widmen. Nur, schau ich auf mich und meine Schülerinnen und Schüler und auch auf diesen und jenen Erwachsenen, vielleicht gar auf alle, demnächst haben wir  in Hamburg wieder Bürgerschaftswahl, werde ich, werden die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe, werden die Kolleginnen und Kollegen, die Nachbarn so ganz genau begründen können, warum sie diese und nicht jene Partei unterstützen? Warum sie für oder gegen Osterweiterung, Binnenmarkt und Globalisierung sind? Ich behaupte mal: Nein, das können sie nicht. Außer so irgendwie dem Bauche nach, solange sie nicht mit den Dingen beruflich befasst sind. Und als Bauchentscheidung kann sie nur nachträglich aufgeklärt und vielleicht verbessert werden, mehr ist auch in der Schule nicht möglich. Mir würde meist reichen, wenn einer weiß, wie genau er was weiß. Und wie genau er was begründen kann. Man halte die Schule im Dorf.
Phantasierten sich also frühere pädagogischen Obrigkeiten den körperlich disziplinierten Stillsitzer als Voraussetzung und Ziel des Unterrichts, so meinen gegenwärtige Schuldenker den dauerreflektierenden, permanent begründungsfähigen, in der Beherrschung von Standards ausgewiesenen Problemargumentierer als Gegenwart und Ziel von Schule. Puh, als ob man nicht einfach mal verträumt an die Decke gucken möchte. Und an das schöne Mädchen in der nächsten Sitzreihe gegenüber denken. Das wäre ja alles nicht weiter schlimm, nähme man es in der gebührende Weise: nämlich nicht sonderlich ernst. Zur Schule gehört die Lyrik, nicht nur im Deutschunterricht, sondern auch die, die Schulobrigkeiten absondern. Aber es ist ernst gemeint. Es ist nicht Lyrik. Jedoch: Kann man Schülerinnen und Schüler nicht wirklich zum Stillsitzen dressieren, zu Dauerreflektierern kann man sie gar nicht formen. Das Stillsitzen kann mit Gewalt erzwungen werden, das Reflektieren dagegen geschieht nur freiwillig. (Schon die Stillsitz-Forderung setzt die Feindschaft zwischen Lehrern und Schülern, die Forderung jedoch, Schülerinnen und Schüler sollen nach Standards reflektieren, wird von ihnen womöglich gar als Beleidigung aufgefasst.
Unterricht ist nun mal eine Aushandlung von Bedeutung. Was sich als wesentlich durchsetzt, das steht zu Beginn der Stunde keineswegs schon fest, ist vielmehr das Resultat der Stunde, an der alle Beteiligten mitgewirkt haben. Je genauer aber Standards sind, desto mehr muss der Lehrer die Schüler zwingen so zu denken, wie er es ihnen vorgibt, nicht als Möglichkeit, die Schüler verwerfen könnten, sondern als Norm. Schule wird dann ganz zur Dressur, nicht nur äußerlich, auch innerlich. Das ist das heute Neue, wenn es auch in der Geschichte gescheiterter Erziehungsversuche uralt ist.) Diese Planungen  sollen genaue Möglichkeiten schaffen: Es kann gemessen werden, wie weit ein Schüler dem Standard entspricht. Die Marktgängigkeit der einzelnen Schülerinnen und Schüler kann präziser bestimmt werden. Zwang wird deshalb zunehmen, Widerstand dann auch. Müssen die Lehrer mitmachen, viele Schüler werden es nicht tun. Es wird Druck in den Kessel kommen. Die Zukunft des Klassenzimmers ist also unerfreulich. Es sind überhaupt die menschlichen Eigenschaften, die in ihm stören; die Kleinen, die da sitzen, weil sie noch nicht hinreichend gepasst sind, und der Große da vorne, der die Passung den Kindern nicht richtig eingenäht bekommt. Wie denn überhaupt die Kinder immer tun und lassen, was sie wollen, der Schule den Rahmen setzen und nicht etwa umgekehrt. Ein Gedanke von einer so selbstverständlich schlichter Richtigkeit, dass er heute nicht mehr gedacht kann. Aber in zehn Jahren und noch später, wenn Ihr Kinder haben wird, wird sich das schon wieder eingepegelt haben. Die Welt selbst ist optimistisch. Soweit ein kleiner Ausblick in Bildungsgegenwart und Bildungszukunft, soweit also die Begründung dafür, dass Ihr zu beglückwünschen seid, noch rechtzeitig die Kurve bekommen zu haben. Na, aber irgendwie ist das nicht toll gewesen, dieser Blick in Eure potentielle Vergangenheit.
Nächster und letzter Anlauf: Ein Blick in die Zukunft, Eure. Aber wie soll denn das gehen, die kenne ich doch gar nicht. Weder die der Welt, die ohne jedes Mittun kommt, noch die Zukunft, die ihr darin einnehmen werdet.  Es lässt sich nur über die Haltung was sagen, mit der man ihr begegnet.  Es hilft da nichts, man muss sich anpassen, man muss sich den Reglements unterwerfen, Ihr werdet das schon tun. Das wäre die geringste Sorge. Viel schwieriger ist es, sich dabei selbst zu behalten. Wie behält man sich selbst? Das christlich zentrale Rezept ist: Dabei sein, aber nicht daran hängen. Anpassung und Widerstand. Woran denn dann hängen? Freunde und Familie können Orientierung bieten, aber ganz so einfach ist das auch nicht, über Freunde, die falschen, kann man auch tief sacken, eine falsche Perspektive bekommen, die sich morgen nicht bewahrheiten wird. Ein Beispiel für eine Haltung aus einem Buch, in dem Helmut Schmidt immer wieder gelesen hat, aus den Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marc Aurel (bearbeitet):
„Morgens früh zu dir sagen: Ich werde mit einem zudringlichen, undankbaren, frechen, falschen, missgünstigen, unfreundlichen Menschen zusammentreffen. -Alle diese Eigenschaften haben sie ja, weil sie im unklaren darüber sind, was gut und böse ist.  In Schande kann mich keiner stürzen. Ich kann auch meinem Verwandten nicht zürnen oder ihm feind sein. Denn wir sind zum Zusammenarbeiten bestimmt, wie die Füße, die Hände, die Augenlider, die Reihen der oberen und unteren Zähne. Einander entgegenzuarbeiten ist daher wider die Natur. Was du tust, das tu weder gegen deinen Willen noch ohne Menschenliebe noch ohne vorherige Prüfung noch voll inneren Widerstrebens. Mache nicht viel Worte und zettele nicht vielerlei an. Und der Gott in dir soll ein Herr eines Lebewesens sein, das männlich, in der Reife der Jahre, von Gemeinsinn erfüllt, ein Römer und ein Mensch (Im Original: ein Herrscher) ist, der seinen Standpunkt gewählt hat wie jemand, der auf das Signal zum Rückzug aus diesem Leben wartet, marschfertig, ohne eines Eides oder irgendeines Menschen als Zeuge zu bedürfen. Und dein Herz sei voll Heiterkeit; du bedarfst ja weder der Hilfe, die von außen kommt, noch der Ruhe, die andere geben könnten. Aufrecht muss man sein, nicht aufgerichtet!“  
Was von den anderen her uns geschieht, das möge uns nicht berühren. Wir haben zu tun, was wir zu tun haben. Wir haben uns zu einem bestimmten Platz und zu einem bestimmten Handeln im Einklang mit dem Gotte in uns entschieden, da ist egal, wie die anderen uns ansehen. Sie berühren uns nicht. Aufrecht ist man bevor andere einen aufrichten. Fremd in dieser Welt und dennoch mit ihr versöhnt, jeden Tag als einen nehmend, an dem das Gute, das man erkannt hat, wieder ein Stück befestigt wird, an dem das Schlechte, das man erkannt hat, wieder ein Stück gehindert wird, an dem in den Menschen, die uns umgeben und ohne die wir nicht sein können, wieder etwas Gutes erweckt wurde, wieder etwas Schlechtes zurückgedrängt wurde. Aber nicht überrascht sein, wenn es nicht von Dauer ist, wenn es nicht gelingen mag. Die anderen wissen es halt nicht besser. Sie können nichts dafür. Aber wir können etwas für das, was wir  tun. Wir können nichts auf andere schieben. Ruhiges Selbstbewusstsein. Und aus diesem heraus erst lässt sich feiern. Und aus diesem heraus wollen wir jetzt feiern: Herzlichen Glückwunsch jedem zum Abitur, insbesondere denen, die bis zum Schluss kämpfen mussten.
Und: Die besten Wünsche für alles, was folgen wird, Ihr werdet es hinbekommen, keine Frage.





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