Abi-Rede Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Hamburg 28.6.1998

Abi-Rede Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Hamburg 28.6.98

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

heute ist ein Abschied zu feiern und einer zu vermelden. Zu Feiern ist Ihr Abschied, der alljährliche Abschied der Abiturienten, zu vermelden ist dann am Schluß ein bisher meist noch unbekannter Abschied eines Lehrers von dieser Schule, meiner nämlich.
Wenn man gebeten wird, die Rede zur Abi-Feier zu halten, dann geht einem die Frage durch den Kopf, was wollen die, die mich gebeten haben, ausgerechnet von mir hören? Genau genommen kennen wir – die Schüler und ich – uns ja gar nicht besonders, es sind mal gerade eben drei Jahre, die so ungefähr die Hälfte der Schüler mich kürzer oder länger im Unterricht erlebt hat, dazu kommt ein gutes Dutzend Tutenden. Und wenn man dann noch Lehrer für Gemeinschaftskunde, Religion, Rechtskunde und Philosophie gewesen ist, also für gänzlich unwichtige Fächer, die sich bloß mit Erklärung der Welt im ganz Großen und der Seele im ganz Kleinen befassen, mit wenig Handfestem also, dann verwundert das schon. Aber vielleicht mag es ja auch etwas Klärung und etwas Wegweisung sein, was da erwartet wird. Und natürlich ein paar Sottisen, Geschichten aus meinem wilden Leben und dumme Sprüche, die die Sache genauer treffen als unterkühlte Analysen. Also alles wie gewohnt.
Der erste Teil meiner Rede sei ein Teil angewandter Gemeinschaftskunde, Jugendsoziologie nämlich, der zweite Teil widmet sich dann weiter gemeinschaftskindlich und etwas philosophisch der Welt überhaupt, der dritte soll dann praktischen philosophisch-theologischen Ausführungen gewidmet sein, rechtskindliche Reden will ich Ihnen ersparen, bin ich doch auch sonst der Meinung, daß, privat jedenfalls, nur ein Leben ohne Schwarzkittel mit Silberschlips ein gelungenes Leben sein kann.  

Also zu Anfang die Gemeinschaftskunde, Abteilung Soziologie:
Ich erinnere mich, daß die ersten Stunden, die ich mit einem Teil von Ihnen in der Vorstufe zusammen war, recht heiß verliefen, Käppis runter, Taschen von den Tischen und die Unterhemdenmode aus dem Vietnam-Krieg, genannt T-Shirts, mochte ich bei mir im Unterricht nicht sehen, und ich mag es auch weiterhin nicht. Seien Sie sicher: Klausuren werden bis in jede Ewigkeit, bei der ich dabei sein werde, mit einem Drittel Rand geschrieben werden, und ich werde auch weiter mein Sprüchen sagen, daß das „das“ mit ß oder Doppel-s und das „das“ mit einfachem s deutlich unterschieden werden müssen. Und daß ich die Zeichensetzungsregeln der neuen Rechtschreibung nicht mag, weil ich dann immer alles zweimal lesen muß.
Bloße Beliebigkeit ist das nicht, einige von Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, werden es schon erlebt haben, wie brutal der Formenzwang ist, wenn man Bewerbungen schreibt und wenn man zum Vorstellungsgespräch geht. Aber Form ist auch Terror, und wenn sich einer von mir da arg terrorisiert gefühlt haben sollte, bitte ich doch um Entschuldigung. Ich jedenfalls habe mich von Ihnen nie, niemals auch nur belästigt gefühlt. Sie waren von der menschlichen Seite her gesehen aus meiner Sicht ein unwahrscheinlich menschenfreundlicher, jedenfalls lehrerfreundlicher, so denn Lehrer auch Menschen sein sollten, – Schüler-Jahrgang.
Und fast alle, wenn nicht gar vollständig alle, sind tatsächlich morgens in die Schule gekommen, um wieder mal was Neues zu lernen, durchaus keine Selbstverständlichkeit. In vielen Stunden haben Sie gezeigt: Sie wollten tatsächlich was wissen, durchaus etwas etwas Besonderes, wofür Sie Lob verdient und hoffentlich auch in ausreichender Weise auf Ihrem Punktekonto gutgeschrieben bekommen haben.
Aber auch, und das sage ich dann etwas besorgter, nach meinem Eindruck waren Sie auch ein besonders der Zuwendung bedürftiger Jahrgang. Ihr Weg war nicht die Rebellion, der Konflikt, sondern die beharrliche Bitte um Zuwendung, um Aufmerksamkeit, um Freundlichkeit. Mich hat das sehr beeindruckt.
Das sei betont, denn nun könnte in dieser Rede etwas kommen, was fürchterlich wäre: Daß ich Sie deshalb tadeln würde. Wir nämlich waren anders, jedenfalls damals, 68, im Mai, hinter den roten Fahnen, wir haben revoltiert gegen alle, die uns bevormunden wollten.
Dieser Tadel würde übersehen, daß unser damaliges Spiel, dreißig Jahre ist nun her, manche begehen da sogar ein Jubiläum, eine Revolte aus dem Luxus für mehr Luxus war, Sie dagegen wissen, daß noch gar nicht ausgemacht ist, daß Sie halten können, was Sie haben.
Ein Beispiel für den riesigen Luxus, den meine Generation noch kannte, den Sie nie kennenlernen werden, demonstriert, wie immer in meinem Unterricht, an mir selbst und meinen eigenen kleinen Verhältnissen, die die ganze Welt in sich bergen.
Als ich Abitur machte, wollte in meiner Klasse erst einmal keiner Lehrer werden. Ich studiere was, was mich interessiert, und wenn ich da keinen Job finde, dann kann ich ja immer noch Lehrer werden, das war damals die Stimmung. Und so studierte ich eben die, wie mir schien und immer noch scheint, höchste aller Wissenschaften, die Theologie, also in der ersten aller Fakultäten jeder ordentlichen Universität, – obwohl ich auch schon damals gerne nach der Philosophie, ihrer Magd, schaute – und dazu politische Wissenschaften, getreu einem Wort Karl Barts, des großen protestantischen Theologen, daß nach der Theologie doch die Politik die männlichste aller Beschäftigungen sei. Und weil es für die Kombination dieser beider Fächer keine eigene Prüfungsordnung gab, studierte ich eben nach der, die es da gab, und das war die für Lehrer.
Wenn mir nichts besseres einfällt, sagte ich meiner damaligen, um ihr zukünftiges Haushaltsgeld schon besorgt drein schauenden Freundin, werde ich halt Lehrer. Das kann ich dann ja immer noch werden. Wo man sich so eine Einstellung leisten konnte, da konnte man auch sonst frech sein und denken, man macht die Weltrevolution.
Einschnitt: Daß Lehrer wohl der beste Beruf ist, den es gibt, das habe ich erst später gemerkt, da müßte schon viel passieren, bevor ich tausche.
Sie hier vor mir, Sie sind aber nicht frech. Sie können sich das auch gar nicht leisten. Dann fliegen sie nämlich überall raus. Ihr Leben wird härter sein, Sie werden von sich selbst viel mehr verlangen müssen als von uns verlangt wurde. Sie werden sehr viel schneller erwachsener sein als wir.
Uns fiel vieles in Schoß, Sie werden mehr kämpfen müssen. Sie werden viele Schläge, auch viele Tiefschläge wegstecken müssen.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
nun komme ich zum zweiten Teil, gemeinschaftskindlich und philosophisch, der Welt an sich und für uns:
Sie sind jetzt die, die gemeint waren, die Helmut Kohl 1982, als Sie gerade laufen gelernt hatten, mit seiner geistig-moralischen Wende meinte: Eine Generation, deren Mehrheit immer wieder erfahren wird, daß sie überflüssig ist, damit eine Minderheit in der Wende erfolgreich sein kann. Eine Generation, die, wenn sie sich nicht wehrt, die Verwirklichung der neoliberalen Utopie erleben wird: 25% der Weltbevölkerung reichen aus, sich selbst und den Rest zu ernähren, 75 % werden für nichts und niemanden gebraucht werden außer für sich selbst, und da sie nichts zu bieten haben, was ein anderer brauchen könnte, sind sie verfechtbar.
Aber vielleicht wird es ja kaum einer merken. Denn es werden immer neue Varianten von Neusprech erfunden werden, „Reprivatisierung des Beschäftigungsrisikos“, eine in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1975 erfundene Formulierung, jetzt wird sie erreicht; der schönen Jargon zeigt, Menschenfresserei kann man drapieren. „Globalisierung“, der Totschlagsbegriff der Gegenwart, kann nicht erklären, warum hierzulande die einen immer reicher werden und die anderen immer ärmer. Dieses eh schon schwache Droh- und Dröhnwort wird so weit überstrapaziert, bis man sich nicht mehr traut zu fragen, was es denn enthält, Sprache als Maschinengewehrgarbe. Sie werden diese Sprache schon noch lernen, um sich in ihr zu verstecken.
In Deutschland verfügen die unteren 50% der Gesellschaft über 2,5%, die oberen 10% dagegen über 50% aller Vermögen, Tendenz steigend, der Sozialneid geht hierzulande von oben nach unten, scheinbar irritierenderweise nicht nur von denen, die genug haben, und denen weniger gönnen, die eh schon weniger haben, sondern auch die, die fast nichts haben, neiden es denen noch, die ganz unten sind.
Nach Umfragen ist 1/3 der jungen Männer in Brandenburg der Meinung, an der dortigen realen Arbeitslosigkeit von 30% seien die 1,8% dort im Lande lebenden Ausländer schuld. Es ist einfach, diese Jungbullen für bekloppt zu erklären, sie sind es ja auch. Aber vielleicht sind die gelungenste, die modernste Variante des Proletariats. Sie haben gelernt, daß nach dem Ende des realsozialistischen Sozialstaates auch das große Teilen im kapitalistischen Sozialstaat zu Ende ist, das Kapital gibt nicht mehr ab, sondern kassiert zurück, was es einst geben mußte, um bleiben zu dürfen, da kann man – so lernt das Proletariat der Gegenwart sehr genau – nur bei den anderen was holen, die genau so weit unten sind wie man selbst, besser noch eine Etage tiefer leben. Sie imitieren exakt den Sozialneid der Neoliberalen, natürlich und obendrein in der sachlich korrekten Weise, der von Schwachsinnigen nämlich.
Meine lieben Abiturientinnen und Abiturienten,

Was brauchen Sie in dieser Welt?
Nun versuche ich mich in philosophisch-theologischen Überlegungen.
Ich denke, das erste, das Sie in dieser Welt brauchen werden, das werden gute Freunde sein. Ein Freund ist jemand, der auch dann zu einem hält, wenn man im Unrecht ist, alles andere sind nur gute Bekannte, man braucht sie auch, aber sie Freunde zu nennen, hieße, dann kein Wort mehr zu haben für die, die auch unter Risiko zu einem halten. Sie werden Menschen brauchen, mit denen Sie über alles, was Sie erleben, was Sie drückt, sprechen können. Sie werden Menschen brauchen, mit denen gemeinsam Sie sich in den unübersichtlichen Verhältnissen von Gegenwart und Zukunft orientieren. Sie werden die Welt, in der Sie leben werden, immer wieder neu buchstabieren müssen, Ihren eigenen Ort in Verhältnissen, die sich ständig ändern. Und sie werden lernen, die von oben nach unten zielende Kampfsprache zu dechiffrieren. Das wird mühsam sein, das kann man nicht allein. Und Sie werden persönlichen, ganz persönlichen Zuspruch brauchen. „Du bist ein Mensch, der schon allein deshalb wert ist, geliebt und geachtet zu werden“, das ist ein Satz, den man sich nicht selbst sagen kann, wenn man auf ihn bauen können will, das muß einem ein anderer sagen. Sie werden diesen Zuspruch brauchen, weil an Sie aus der Not, sich in dieser Zeit zu orientieren, der Anspruch gestellt werden wird, dieses anderen zu sagen: „Du bist ein Mensch, Dich liebe ich, Dich achte ich!“
Achten Sie drauf, pflegen Sie Freundschaften, trennen Sie sich nicht von den anderen, auch dann nicht, wenn die anderen sich anders entwickeln, als Sie selbst es als richtig ansehen. Lassen Sie die anderen nicht allein, gerade dann nicht, wenn es anstrengend wird. Sie werden, jeder einzelne, gebraucht werden. Und weisen Sie es nicht zurück, wenn andere auf Sie zukommen, geben ist zwar seliger als nehmen, aber nehmen ist viel schwerer als geben. Denn wer nimmt, gesteht damit seine Bedürftigkeit ein, sieht sich möglicherweise in seinem Stolz verletzt und verletzt so den, der geben will. Wer nimmt, der muß lernen, daß er angewiesen ist, der muß dankbar sein können, damit er selbst wieder geben kann. Lernen Sie Freundschaft, lernen Sie Dankbarkeit. Lernen Sie es, denn das muß man lernen.
Also, laufen Sie heute Abend nicht einfach auseinander, bleiben Sie in Ihren Cliquen zusammen, nehmen Sie andere, die noch nicht dabei sind, mit.
Seien Sie sicher, alle guten Wünsche Ihrer Eltern und Ihrer Lehrerinnen und Lehrer begleiten Sie. Und die Hilfe, wenn Sie sie brauchen.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ganz am Schluß ein paar unwichtige Sätze, die vom wesentlichen des Abends nicht ablenken sollen: ein-und-zwanzig-und-ein-halbes Jahr Gymnasium Müssenredder bzw. Carl-von-Ossietzky-Gymnasium gehen nun für mich zu Ende, ob für immer, das wird die Zukunft weisen. Ich gehe an ein anderes Gymnasium, zum Gymnasium Buckhorn. Ein kürzerer, autofreier Schulweg war der Anlas, das Bedürfnis, jenseits des 50. Geburtstags noch mal was anderes zu sehen, neue Luft in den Kopf zu bekommen und nicht nur an einer einzigen Schule der Freien und Hansestadt ein treuer Diener des Senats gewesen zu sein, sondern zu sehen, daß woanders vermutlich auch nur mit Wasser gekocht wird, weitere wichtige Gründe. Kein Grund war irgendeine Abneigung gegen irgendwas oder irgendwen am CVO. Man sagt, die Schule, an die ich jetzt gehen werde, sei von ihrer Grundeinstellung dem CVO diametral entgegengesetzt. Man wird sehen. Ihnen, den Schülerinnen und Schülern, den Eltern, der Schulleitung, insbesondere Hanns Hämker, und den Kolleginnen und Kollegen aber meine Dankbarkeit.
So, und nun feiern wir mal alle hier schön!





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