adolf loos und der sattlermeister

in der zeitschrift “das andere – ein blatt zur einführung abendländischer kultur in österreich” schreibt adolf loos 1903 folgende geschichte:

der sattlermeister

es war einmal ein sattlermeister. ein tüchtiger, guter meister. der machte sättel, die so geformt waren, daß sie mit sätteln früherer jahrhunderte nichts gemein hatten. auch nicht mit türkischen oder japanischen. also moderne sättel. er aber wusste das nicht. er wußte nur, daß er sättel machte. so gut wie er konnte.
da kam in die stadt eine merkwürdige bewegung. man nannte sie sezession. die verlangte, daß man nur moderne gebrauchsgegenstände erzeuge.
als der sattlermeister das hörte, nahm er einen seiner sättel und ging damit zu einem der führer der sezession.
und sagte zu ihm: “herr professor” – denn das war der mann, da die führer dieser bewegung sofort zu professoren gemacht wurden – “herr professor ! ich habe von ihren forderungen gehört. auch ich bin ein moderner mensch. auch ich möchte modern arbeiten. sagen sie mir: ist dieser sattel modern?
der professor besah den sattel und hielt dem meister einen langen vortrag, aus dem er immer nur die worte “kunst im handwerk”, “individualität”, “moderne”, “hermann bahr”, “ruskin”, “angewandte kunst” etc. etc. heraushörte. das fazit aber war: nein, das ist kein moderner sattel.
ganz beschämt ging der meister davon. und dachte nach, arbeitete und dachte wieder. aber so sehr er sich anstrengte, den hohen forderungen des professors nachzukommen, er brachte immer wieder seinen alten sattel heraus.
betrübt ging er wieder zu dem professor. klagte ihm sein leid. der professor besah sich die versuche des meisters und sprach: “lieber meister, sie besitzen eben keine phantasie.”
ja, das wars. die besaß er offenbar nicht. phantasie ! aber er hatte gar nicht gewußt, daß die zum sattelerzeugen notwendig sei. hätte er sie gehabt, so wäre er sicher maler oder bildhauer geworden. oder dichter, oder komponist.
der professor aber sagte: “kommen sie morgen wieder. wir sind ja da, um das gewerbe zu fördern und mit neuen ideen zu befruchten. ich will sehen, was sich für sie tun läßt.”
und in seiner klasse schrieb er folgende konkurrenz aus:
entwurf für einen sattel.
am nächsten tage kam der sattlermeister wieder. der professor konnte ihm neunundvierzig entwürfe für sättel vorweisen. denn er hatte zwar nur vierundvierzig schüler, aber fünf entwürfe hatte er selbst angefertigt. die sollten in das “studio”. denn es stecke “stimmung” in ihnen.
lange besah sich der meister die zeichnungen und seine augen wurden heller und heller.
dann sagte er: “herr professor ! wenn ich so wenig vom reiten, vom pferde, vom leder und von der arbeit verstehen würde wie sie, dann hätte ich auch ihre phantasie.”
und lebt nun glücklich und zufrieden.
und macht sättel. moderne? er weiß es nicht. sättel.

http://www.fmb-architekten.de/mehr.php?mm=texte&sm=005&pg=01

(gewidmet allen Erfindern Neuer Lernkulturen; HL)





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